Nachwort


Gruinard Island in Schottland erlangte Bekanntheit durch Versuche mit Milzbranderregern, die im Zweiten Weltkrieg im Auftrag des britischen  Kriegsministeriums dort durchgeführt wurden.Während der Experimente von Juli 1942
bis August 1943 hat die englische Regierung insgesamt 80 Schafe dem Erreger
ausgesetzt und dadurch getötet. Erst nach Abschluss der Versuche wurde festgestellt, dass die Sporen des Krankheitserregers in den Boden eingedrungen waren und diesen dauerhaft verseucht hatten. Die Insel erklärte man in der Folge zum Sperrgebiet; und es
wurden jährlich Bodenproben entnommen, deren Untersuchung jedoch keine  wesentliche Abnahme der Kontaminierung ergab. Erst ab dem Jahre 1978 entstanden
Studien zur ›Entseuchung‹ der Insel. So lautete die offizielle Erklärung durch die  englische Regierung. Es gibt zahlreiche Spekulationen, warum es letztlich nicht zum Einsatz von schmutzigen Bomben in Europa kam, aber die Wahrheit liegt wohl im Dunkel der Nachrichtendienste und wird dort noch lange bleiben. Wir können nur dem
Schicksal danken, dass es bei uns nicht zu einer Katastrophe gekommen ist, wobei zu unser aller Entsetzen Japan dieses Glück versagt blieb. Ab 1944 lieferte ein englischer Topagent Hinweise auf die US-amerikanischen Atombombenpläne und trug so entscheidend dazu bei, dass der sowjetische Geheimdienst zahlreiche Agenten auf die Bombenbauer ansetzte – und die Sowjets selbst eine Bombe bauen und 1949 zünden konnten. Fast 30 Jahre dauerte der heimliche Einsatz des führenden Abteilungsleiters des britischen Geheimdienstes Secret Service, bis er verraten wurde. Ich habe versucht, die Verknüpfung der gegnerischen Nachrichtendienste herauszustellen, für die es zahlreiche historische Beweise gibt. Ich bewundere den deutschen Abwehrchef Admiral Canaris ebenso wie seinen eigentlichen Gegenspieler Winston Churchill. Ihre Lebensgeschichten lesen sich spannender als jeder historische Roman, vor allem, wenn man zwischen den Zeilen liest. Man muss aber bedenken, dass Canaris ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr der Kontrahent des englischen Premiers sein wollte. Der Admiral traf sich bereits im Frühjahr 1943 in Istanbul mit dem amerikanischen Diplomaten George H. Earle, einem Freund des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Er unterrichtete Earle von den Plänen des deutschen Widerstandes, Hitler zu beseitigen. Nach dessen Sturz wollten die Führer des Widerstandes sofort einen Waffenstillstand im Westen schließen. Aber vermutlich kam es nicht zu einem Einvernehmen, weil man fürchtete, dass ohne den »Führer« der Kampf gegen Deutschland wesentlich länger dauern würde oder vielleicht sogar verloren gehen
könnte. Hitlers strategische Fehlentscheidungen begünstigten die Feinde des
Nazi-Reiches. Es gibt Hinweise, dass Churchill diese Entscheidung später, unter
dem Eindruck des »Kalten Krieges« mit der Sowjetunion, bereut haben soll.
Der vorliegende Band spielt während der Entmachtung der alten Geheimdienstgarde
um Admiral Canaris durch den SD, mit SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner. Das vergebliche Bemühen der Deutschen, Ort und Zeitpunkt der Landung der Alliierten genau vorherzusehen, sollte sich als kriegsentscheidend erweisen. Darüber sind sich die Historiker einig. Mit Hilfe von Doppelagenten und großangelegten  Täuschungsoperationen und Dutzenden von Mitarbeitern erarbeiteten die erfahrenen englischen Spione ein Gespinst aus Lügen, Halbwahrheiten und tatsächlich  zutreffenden Informationen aus, das die deutschen Nachrichtendienste von der geplanten Invasion ablenken sollte. Die Türkei lieferte in den Jahren 1943 und 1944 90.000 Tonnen Chromit-Erz nach Deutschland, abhängig von Deutschlands Lieferung von militärischer Ausrüstung in die Türkei. Von den Deutschen kamen 117 Lokomotiven und 1.250 Waggons, um das Erz zu transportieren. Die Durchfahrtgenehmigung durch die türkischen Meerengen war wegen dringend benötigter Rohstoffe elementar für
die deutsche Marine. Vor allem das in Rumänien geförderte kriegswichtige Rohöl
musste ungehindert in deutsche Raffinerien geliefert werden. Es ist historisch nicht verbürgt, dass, wie in diesem Band beschrieben, dafür deutsche Goldlieferungen als Gegenleistung an die Türkei geflossen sind, aber es wäre eher unwahrscheinlich, wenn die Offenhaltung des Bosporus durch die Türkei aus Sympathie für Deutschland erfolgt wäre – was sich gerade in unseren Tagen auch plausibel anhört. Und zum Schluss etwas zu den Grenzen der Moral im Roman. In den Bänden »DIE SCHWARZE LEGION« und »DIE ROTE LEGION«, aber auch in diesem, verschieben sich Moral-Barrieren, wie man sie früher in einem historischen Roman gekannt hatte. Zeitgenössische Briefe und autobiografische Erlebnisse aus jener Zeit geben ein sehr viel schauerlicheres Bild ab als hier beschrieben, nur nicht jeder kennt diese Quellen. Für den Autor stellt sich immer wieder die Frage: »Wann ausblenden?« Ich fürchte, wir haben bei

erschütternden Ereignissen oft zu früh weggesehen und tun es noch heute. Dann ist der Schritt zur Verharmlosung oder gar Verherrlichung schnell ein ganz kleiner. Kein normaler Mensch möchte Zeuge von Missbrauch, Perversion und einer fehlgeleiteten Pädagogik sein. Zum Glück ist in unseren Tagen eine Debatte entstanden, in der es um Täter und Opfer geht. Ich bin fest überzeugt, sie hat sich entwickelt, weil immer mehr Autoren und vor allem Journalisten sich der Wahrheit so detailliert verschrieben haben, oft unter Einsatz ihrer Freiheit. Soll man da ausgerechnet bei historischen Ereignissen aus einem eiskalten Attentäter einen Hochglanzhelden zimmern und eine Frau, die
im Untergrund auch ihren Körper eingesetzt hat, um Ziele zu erreichen, zu einer
liebenden Kosakin stilisieren, die dem Helden nach getaner Arbeit ein Fußbad macht? Wenn dieses Kopfschütteln über die Gräuel auch nur einen jungen Mann oder junge Frau davon abhält, auf dem Campus der Universität »Nein!« zu sagen, wenn die Anwerber für Nachrichtendienste erscheinen, weil sie etwas völlig anderes gelesen haben als eine James Bond-Glorifizierung, dann versuche ich weiter genau so zu schreiben, solange Sie es wollen.

Das bedeutet dann, dass Franz und Rainer bald wieder marschieren müssen!